Wenn aus Angst Wut wird

Hans und Grete, beide Studenten und sehr ineinander verliebt, fuhren mit seinem uralten Opel durch den verschneiten Abend nach Eisenach und wollten ihre Tante besuchen. Das hatten beide schon zwischen Weihnachten und Silvester vorgehabt, aber die alte Rostlaube von Hans hatte wie so oft gestreikt. Diesmal war es das Getriebe gewesen, wieder paar Hunderte in die Ruine reingesteckt. Von dem Geld, was er in dieses Gefährt schon an Reparaturen investiert hat, wäre längst ein neues Auto rausgesprungen, lästerte Grete. Hans rümpfte nur die Nase.

Das Schneegestöber wurde immer dichter und sie bereuten es fast, die Landstraße wegen der schönen Waldgebiete, statt der schnelleren Autobahn gewählt zu haben, aber vielleicht war dort wieder Stau, weil wegen des Schnees querstehende LKW die Fahrbahnen blockierten.
So konnten sie. wenigstens die schöne Landschaft zwischen Oberfranken und dem südlichen Teil Thüringens in Richtung der Wartburgstadt genießen, zumindest bis es dunkler wurde und die Fahrbahn beängstigend zuschneite . Das wurde immer schlimmer, die Straße war kaum noch zu sehen. Hans orientierte sich nur noch an den Leitpfosten, die spärlich vorhanden waren, weil irgendwelche Vollpfosten etliche davon umgetreten oder raus gerissen hatten.

In einer Rechtskurve passierte es, das Auto rutschte plötzlich wie von einer Schnur gezogen gerade aus, anstatt der Biegung zu folgen. Alles Gegenlenken durch Hans war zwecklos, sein geliebter Opel schlitterte unaufhaltsam gegen die dicken Eichen, die nahe des Straßenrandes standen. Der Wagen knallte geräuschvoll mit der hinteren Fahrerseite gegen eine besonders dicke Eiche, wurde zurück geschleudert, um dann nach einem Überschlag zwischen zwei anderen Bäumen, aber auf den Rädern, hängen zu bleiben.

Das Auto von Hans war nun endgültig Schrott. Das einzige, was ihm verblieb war lauthals „Scheiße “ zu brüllen. Beide kletterten aus dem Wrack und standen am Straßenrand wie die begossenen Pudel, aber unverletzt. Wir müssen die Polizei anrufen, sagte Grete, unter ihrer Kapuze vorschauend, worauf Hans sarkastisch erwiderte : „Klar, die werden mir helfen mein Auto wieder flott zu kriegen. “ Doch auf dieser verschneiten Straße durch den Wald war an Empfang nicht zu denken.

Die nächsten Ortschaften waren zig Kilometer entfernt und darauf hoffen, dass ein anderes Auto kommt und beide mitnimmt, war wenig sinnvoll. Also liefen sie dahin, wo sie eigentlich hinfahren wollten, nämlich der Straße folgend. Die folgende Ortschaft war näher, glaubte Hans, als zurück zu laufen.

Nach ein paar hundert Metern sahen beide links im Wald Lichter, die aussahen wie mindestens zwei erleuchtete Fenster. Tatsächlich da schien ein Haus abseits der Straße im Wald zu sein! Wer mag denn weit weg von anderen Häuseransammlungen, Dörfer genannt, ein Gebäude in dem Wald gebaut zu haben? Möglicherweise ein Förster?

Hans und Grete strebten eilig und erleichtert den Fensterlichtern zu, zu denen eine Schneise, nicht sehr breit, aber für ein Auto befahrbar, führte. Gott sei dank, da wohnen Leute, die ihnen helfen können und bei denen beide sich aufwärmen konnten.

Als sie näher kamen staunten sie über die seltsame Dekoration, die an verschiedenen Stellen an dem Holzhaus zu finden war. Zu beiden Seiten der Eingangstür hingen zwei grinsende Clownsmasken, ebenso neben den Fenstern und auch drei finster lachende Masken waren irgendwie an der Dachrinne befestigt.

Grete war nicht nur erstaunt sondern entsetzt, ihr lief ein Schauer über den Rücken. Hans wusste sofort, das war nicht gut für seine Liebste,mit gutem Grund.
Im letzten Jahr war sie abends auf dem Weg von der Uni zu ihrer kleinen Wohnung von einem blöden Kerl, der sich als Horrorclown mit einer hässlich grinsenden Fratze verkleidet hatte fast zu Tode erschreckt worden. Dieser Spinner war aus einem Gebüsch gesprungen, schwang ein Fleischerbeil und schrie :“Ich mach jetzt Hackfleisch aus dir! “ Sie rannte so schnell wie noch nie nach Hause. Sie fiel Hans förmlich in die Arme, japste nach Luft, heulte wie ein Schlosshund und hatte sich ins Höschen gemacht.

Seit diesem Vorfall traute sich Grete im Dunkeln nicht mehr allein auf die Straße und konnte Clowns nicht mehr ausstehen, was vornehm ausgedrückt war. Sie hasste diese Kreaturen!
Sie war wegen ihrer Angst vor Clowns auch bei einem Psychologen, der ihr eine Coulrophobie bescheinigte, eine krankhafte Angst vor solchen Figuren. Das einzige, was er Grete auf den Weg geben konnte, war, dass sie Begegnungen mit diesen Typen vermeiden sollte und Beruhigungspillen, falls es doch mal passiert.

Und jetzt das hier!! 

Hans nahm Grete fester in den Arm und versuchte sie zu beruhigen so gut er konnte. Grete sagte, dass es ihr gut gehe, sie sei nur wegen des unerwarteten Anblicks erschrocken gewesen.
In Ermangelung einer Klingel klopfte Hans an der Haustür, worauf von innen eine Frauenstimme rief :“ Moment, ich komme schon .“
Eine sehr alte Frau öffnete und tat überrascht, dass bei diesem Wetter und Dunkelheit jemand zu ihr kam.
“ Ich bekomme kaum noch Besuch seit mein Mann gestorben ist. Nur die Gemeindeschwester taucht einmal die Woche bei mir auf. “
Hans und Grete erklärten der Frau, was ihnen widerfahren war. Zwischenzeitlich waren sie in eine große Wohnküche gebeten worden, die unheimlich gemütlich war. Das einzige, was Grete störte, an der Wand neben dem aus massiven Holz bestehenden Küchenschrank hängend, war ein Kalender, der gemalte oder fotografierte Clownsgesichter abbildete. Sie rutschte mit dem Stuhl so, dass sie den Kalender nicht direkt im Blick hatte. Eine schmackhafte Nudelsuppe mit kleinen Fleischklößchen wärmte sie auf und machte sie satt. Ihre Frage, ob sie hier telefonieren könnten verneinte die alte Dame. Sie habe von ihrem Sohn zwar ein Handy mit riesengroßen Tasten bekommen, aber das funktioniere bei dem Schneesturm nicht.

Da Hans und Grete bei dem Wetter ohnehin nicht mehr wegkämen, die nächste Ortschaft wäre zehn Kilometer entfernt, bot die alte Frau an, dass sie bei ihr übernachten könnten. Beide nahmen dankbar an.
“ Für ein Gläschen Rotwein ist es noch nicht zu spät „, sagte die alte Frau und bat sie in die Wohnstube. Zunächst machte die einen urgemütlichen Eindruck. Ein riesengroßes Sofa, ein großer hölzener Schrank mit vielen Verzierungen, mehrere wuchtige Sessel, ein Bücherregal mit Glastüren, ein monumentaler offener Kamin, in dem dicke Holzscheite brannten, und natürlich ein großer Tisch, der auch wie alles andere Mobiliar schon ein halbes Jahrhundert alt war.

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Als sie aber eingetreten waren und sich umdrehten stockte beiden der Atem : die Wand neben der Tür, links und rechts sowie darüber war voll mit großen gerahmten Bildern mit Clownsgesichtern und dazwischen mehrere Clownsmasken, aus welchem Material auch immer.
Da war alles aus der Clownerie der Vergangenheit und Gegenwart vertreten : Oleg Popow , Lou Jacobs, Leo Bassi , Bello Nock, Bernhard Paul alias Zippo, Charlie Rivel alias Akrobat Schööön und der legendäre Grock .
Neben Clownsmasken offensichtlich aus Gips hingen aber auch Bilder von Horrorclowns da, die Grete völlig wahnsinnig machten, wie Twisty the Clown, der Joker aus Batman, Pennywise aus Stephen Kings „Es “ und als ob das nicht schon genug wäre der Serienmörder John Wayne Gacy alias Pogo The Clown.

 

Die alte Frau wollte erklären, dass da früher die Trophäen ihres Mannes hingen wie Hirsch -und Rehgeweihe, doch wo sie jetzt allein ist,habe sie ihrer Leidenschaft seit der Kindheit nachgegeben und ein Teil ihrer Sammlung an die Wand gehängt. Sie sei sehr stolz darauf. Doch Grete hörte das gar nicht mehr.

Ihre Angst vor diesen Fratzen schlug in zerstörerische Wut um, sie war entschlossen sich zu wehren. Das erstbeste Werkzeug, was sie entdecken konnte war ein Schürhaken neben dem Kamin.
Damit drosch Grete auf die Bilder und Masken ein, sodass Glasscherben,,Holzstücke und Gipsbrocken umherflogen.

Mit Entsetzen sah die alte Frau dieses Gemetzel und wollte dem Einhalt gebieten, schrie Grete an und griff nach ihrem Arm mit dem Schürhaken, aber Grete war nicht mehr Herr ihrer Sinne. Sie wollte sich aus dem derben Griff der alten Frau befreien, drehte sich um und der Schürhaken traf die Schläfe der Gastgeberin. Die sackte sofort zusammen, gab ein gurgelndes Geräusch von sich. Viel Blut schoss aus ihrer rechten Kopfseite. Dann blieb sie regungslos liegen.

Hans konnte das Szenario nur verfolgen, unfähig das Ausrasten seiner Freundin zu verhindern. Als er zu sich kam, war alles schon zu spät. Die arme alte Frau lag in einer Blutlache tot am Boden.
Grete hatte sich, nicht im Stande ihr Tun zu verstehen zwischen zwei Sesseln im Dunkeln verkrochen und schluchzte vor sich hin. Auf das Ansprechen durch Hans reagierte sie nicht.

Hallo, hier ist Hans  E…, über die 110 hatte er nach unendlicher Zeit endlich eine Verbindung bekommen. Sie sprechen mit Polizeiobermeister Mitterm…, den Rest konnte er nicht verstehen. Sie haben den Polizeinotruf gewählt, was kann ich für Sie tun? Der Polizist hörte, immer wieder durch Rauschen unterbrochen, was ihm Hans in Kurzform und mit weinerlicher Stimme schilderte: Unfall, Holzhaus, Clownsmasken draußen und drinnen, alte Frau, Schürhaken, Freundin, Frau tot.

Waaas, die Witwe des Oberförsters tot?!?! schrie der Polizist ins Telefon.
Bleiben Sie da, meine Kollegen sind so schnell wie möglich bei Ihnen.

Dableiben, klar, was sollte Hans sonst tun als auf seinen Liebling aufzupassen, der nur noch apathisch in der Ecke hockte.

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